Thorsten Nesch: „Stolz ist für Verlierer”

7. Juni 2012
By Sophie

epubli Autor Thorsten NeschThorsten Nesch veröffentlicht seine Bücher und eBooks im Rowohlt Verlag und bei epubli. Im April machte er eine Lesereise auf einem Kreuzfahrtschiff und gab Workshops in kreativem Schreiben. Im epublizisten-Gastbeitrag erzählt er von dem Leben als professioneller Autor.

 

Aber man braucht Zeit, viel Zeit”

Ich habe angefangen zu schreiben, nachdem ich mit dem Spielen aufgehört hatte. Das war ein fließender Übergang. Anstatt meine Fantasie auszuspielen, schrieb ich sie auf, in Geschichten. Das Schöne am Schreiben ist: Als Autor braucht man nicht viel Geld, um die Kunst auszuüben. Es ist die günstigste Kunst da draußen, außer vielleicht freier pantomimischer Tanz. Aber man braucht Zeit, viel Zeit, will man längere Geschichten, Romane erzählen. Von meiner Schulzeit bis 2008 ging es bei mir immer darum, mir diese Zeit zu erkaufen, da ich nicht vom Schreiben leben konnte. Als Jugendlicher schrieb ich nach der Schule – ich glaube, Hausaufgaben gab es damals noch nicht. Besonders schwer fiel mir das Schreiben während der Ausbildungszeit, da ich neben der Arbeit noch für die Schule lernen sollte. Zur Zwischenprüfung entschied ich mich, die Ausbildung noch zu beenden und dann zu kündigen, wollte man mich nicht in einer Halbtagsstelle übernehmen. Dann hätte ich genug Zeit zum Schreiben gehabt und genug Geld zum Leben. Man gönnte mir keine Halbtagsstelle …

Eine Stunde = eine Seite = 250 Seiten im Jahr = ein Roman.”

Von 1993 bis 2008 arbeitete ich also in vielen verschiedenen Jobs, die ich jetzt nicht alle aufzählen werde, nur eines dazu: Im allgemeinen näherten sich meine Tätigkeiten über die Jahre immer weiter dem Beruf des Geschichtenerzählens. Das Wesentliche war jedoch die Zeit danach oder davor, sei es morgens oder abends, drei Tage oder drei Wochen am Stück und diese so zu organisieren, dass ich mich auf meine Geschichten zu unterschiedlichen Tageszeiten und in unterschiedlichen Rhytmen konzentrieren konnte. Das konnte ich mir nicht immer aussuchen, aber ich konnte es mir immer ermöglichen. Selbst, wenn es nur eine Stunde am Tag war. Für mich gilt: Eine Stunde = eine Seite = 250 Seiten im Jahr = ein Roman. Das ist gut, wenn man das nicht hauptberuflich macht! So oder ähnlich ging das bei mir 10 Jahre lang. Eine Stunde Mittagspause = eine Seite. Oder um 5 Uhr aufstehen vor der Arbeit, oder abends vor dem Schlafengehen …

Und wer die eine Stunde im Alltag nicht findet? Tja.

Stolz ist für Verlierer.”

Ganz ehrlich: Eine Ausrede findet man immer, wenn man nicht schreiben muss. Das Internet, Freunde, ein gutes Buch, die dreckige Wäsche … So geht mir das mit Autos. Mir fällt immer ein Grund ein, warum ich nicht für ein Auto arbeiten will. Das würde mir Zeit vom Schreiben nehmen. Mit 24 Jahren entschied ich mich bewusst, für das Schreiben zu arbeiten, zu jobben. Das war vor allem auch eine Lifestyle-Entscheidung. Was brauche ich im Leben? Ein Auto? Markenklamotten? Gesellschaftliche Anerkennung? Alles Pillepalle. Stolz ist für Verlierer. Man hat ein Ziel im Leben oder Stolz. Ich hatte Jobs, da macht man sich total lächerlich, aber ich wusste ja warum. Und schließlich war es nicht so, dass ich mit 18 gesagt habe: So jetzt werde ich Schriftsteller. So etwas wäre Quatsch, utopisch. Und man kann auch nicht studieren und sich danach Autor nennen. Gut, nennen schon, aber nicht davon leben. Und mir war auch klar, dass dem vielleicht nie so sein würde. Habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht? Für ein Hobby riskiert und verliert man nicht berufliche Karrieren, Geliebte oder möglicherweise seine Freiheit. Mein Hobby ist Singersongwriting. Da komme ich auch mal einen Monat ohne mit aus. Ohne Schreiben liegt der Rekord seit 1987 bei 12 Tagen am Stück (ohne eine Notiz), das war in den 90ern auf Jamaica, ich rede hier also von maximaler Ablenkung … Hey, ’87 bis heute, das sind 25 Jahre! Das feiere ich heute Abend!

Meine Motivation zum Schreiben ist eine innerliche, ein Muss”

Was ich damit sagen will: Meine Motivation zum Schreiben ist eine innerliche, ein Muss, das unbeschreibliches Gefühl, unbedingt die nächste Idee zu erzählen. Diese ist, bevor ich mich hinsetze und schreibe, bis zum Ende durchgedacht, in Stichpunkten oder einer Zusammenfassung.  Seit 2008 lebe ich den großen Luxus der freien Zeiteinteilung zum Schreiben. Wir können von meinen Geschichten leben, bescheiden – machen wir uns nichts vor – aber leben. Da ich Familie habe, stehe ich als erster auf, bereite mir ein großes Frühstück, und sitze um 6.30 Uhr in meinem Arbeitszimmer unter dem Dach. Schreibe ich an einem Roman, tue ich nichts anderes bis zur Mittagspause um 12 Uhr. Kein Internet, kein Telefon. Ich mache einen Spaziergang zur Grundschule und hole einen unserer Jungs ab. Dann essen wir gemeinsam Mittag. Gegen 13.30 Uhr sitze ich mit einem leckeren Cortado Kaffee wieder in mein Arbeitszimmer und schreibe oder korrigiere, vielleicht noch bis 15 Uhr. Danach muss ich dann doch mal Telefonieren oder ins Internet, E-Mails schreiben oder Verträge lesen oder Interviews beantworten oder Blogbeiträge oder Artikel verfassen … bis 16 oder 17 Uhr. Montags bis freitags. Es sei denn ich bin auf Lesungstour …

 

So, Feierabend.

 

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