Ann Katrin Siedenburg: Das Kleine Einmaleins der Typografie
Diplom-Designerin Ann Katrin Siedenburg arbeitet seit 2006 erfolgreich als selbständige Grafikerin. Von ihrem Büro in Berlin-Mitte aus betreut Sie Kunden aus der Verlagsbranche sowie Kultur, Bildung und Wirtschaft. Ihre besondere Spezialisierung liegt im Bereich Buchgestaltung und Typografie. Zu diesen Themen hält sie auch Vorträge und publiziert, so auch unter anderem zur Buchcovergestaltung.
Unter Grafikdesignern gibt es einen etwas umstrittenen Leitsatz: Gute Typografie erkennt man vor allem daran, dass sie nicht auffällt. Darin steckt zumindest ein Körnchen Wahrheit. Denn gute Typografie bedeutet in erster Linie folgendes: Lesbarkeit und ein harmonisches Zusammenspiel von Inhalt und Form. Wenn also ein Roman zum Pageturner wird oder das Lesen selbst hochkomplizierter wissenschaftlicher Fachbücher angenehm leicht fällt, hat vermutlich nicht nur ein guter Autor, sondern überdies ein erfahrener Typograf seine Hände im Spiel gehabt.
Wie auch Self-Publisher ihren Lesern die Lektüre – ganz unauffällig – vereinfachen können, soll hier anhand einiger wichtiger Grundregeln für gute Typografie erklärt werden.
1) Die Qual der Wahl
Am Anfang jeder Buchgestaltung steht zunächst die Schriftwahl. Grundsätzlich unterschieden wird zwischen Schriften mit und ohne Serifen. Als Serifen bezeichnet man die kurzen horizontalen Abschlussstriche am Fuß und Kopf eines Buchstaben. Bekannte Beispiele für eine Serifenschrift sind die Times New Roman, die Bodoni, die Garamond, die Georgia oder die Minion. Serifenlos dagegen ist etwa die Arial, die Calibri, die Futura, die Helvetica und die Myriad. Bei der Schriftwahl ist entscheidend, dass der Font (digitale Schriftdatei) passend zum Inhalt und zur Textart bzw. -struktur ausgesucht wird. Serifenschriften sind in der Regel am besten lesbar. Das liegt zum einen an ihrer differenzierten Formsprache, zum anderen an den horizontalen Serifen, die dem Auge eine gute Orientierung beim Verfolgen der Zeilen bieten. Daher eignen sie sich gut für lange Texte ohne ausgeprägte Untergliederung, z.B. für Belletristik. Auch bei Sachbüchern kann man auf eine Serifenschrift zurückgreifen, hier macht jedoch ebenso die Serifenlose Sinn, vor allem, wenn die Textabschnitte kürzer sind. Die eher nüchterne Ausstrahlung serifenloser Schriften kann dabei den Inhalt von Sachbüchern formal unterstreichen. Bei Kinderbüchern ist es wichtig, eine klare, besonders gut lesbare Schrift zu wählen, die Leseanfängern das oft noch mühevolle Entziffern erleichtert.
Interessant wird es, wenn in einem Buch unterschiedliche Schriften zum Einsatz kommen. Ist der Fließtext in einer Serifenschrift gesetzt, bietet sich z.B. als Kontrast eine kräftige Serifenlose für die Überschriften an. Bei der Schriftmischung sollte darauf geachtet werden, dass der Unterschied gut erkennbar ist, die grundsätzliche Formsprache der Fonts aber harmoniert.
2) Woher bekommen, was man selbst nicht hat?
Grundsätzlich lohnt es sich, die Welt jenseits der bekannten Standardfonts, die jedes Textverarbeitungs- oder Layoutprogramm bietet, zu erkunden. Für Experimentierfreudige gibt es eine Vielzahl an weiteren Schriften, mit denen das eigene Buch individuell gestaltet werden kann. Nach Fonts stöbern kann man wunderbar auf folgenden Websites: Font Shop , Linotype oder MyFonts . Neben eher hochpreisigen Schriftpakteten sind einzelne Fonts hier auch für wenig Geld zu haben, teilweise werden Schriften sogar kostenlos angeboten. Darüber hinaus ist dafont.com eine Fundgrube für Freefonts aller Art. Grundsätzlich sollte beim Download von (Free-)Fonts folgendes beachtet und hinterfragt werden:
- Ist die Schriftdatei für PC oder Mac formatiert? Empfehlenswert ist das Opentype-Format (.otf), das für beide Plattformen geeignet ist.
- Erlaubt die Lizenz für einen Freefont auch den kommerziellen Einsatz der Schrift? Kleingedrucktes beachten!
- Wie steht es um die Qualität des Fonts? Mit ein paar Testzeilen kann man prüfen, ob z.B. die Buchstabenabstände gleichmäßig sind oder Umlaute bzw. andere Zeichen fehlen. Mit einer Schrift, die diesen Test nicht besteht, sollte kein Buch geplant werden!
3) Größe und Abstand für bestes Lesevergnügen
Die Schriftgröße sollte bei Belletristik und Sachbüchern zwischen 9 und maximal 11 Punkt liegen. Sie wird oft zu groß gewählt, da Word-Nutzer sich nach automatischen Vorgaben richten, die für Bücher nicht unbedingt geeignet sind. Bei Kinderbüchern widerum kann die Schrift ruhig etwas größer gesetzt werden.
Der Zeilenabstand ergibt sich aus der Schriftgröße. Als grobe Faustregel gilt: Zeilenabstand = mindestens 120 % der Schriftgröße. Wenn verschiedene Schriftgrößen zum Einsatz kommen (etwa für Überschriften, Fließtext und Bildunterschriften), sei hier ein zweiter Leitsatz angeraten: Nicht zu viele verschiedene Größen verwenden! Drei sind als Differenzierung völlig ausreichend. – Weniger ist auch in der Typografie meistens mehr.
Die Zeilen einer Textspalte sollten nicht zu lang sein. Bei langen Zeilen passiert es leicht, dass der Blick ungewollt zwischen den Zeilen verspringt. Gerade große Bücher oder Querformate erfordern daher einen 2- oder 3-spaltigen Satz. Kleine Formate, beispielsweise bei Taschenbüchern, sind dagegen gut geeignet für 1-Spaltigkeit.
Noch ein wichtiger Tip für die Schriftwahl und die Layoutplanung: Wenn am Ende ein gedrucktes Buch stehen soll, ist es ratsam, in dieser Phase immer wieder Ausdrucke in 100% auf einem guten Office-Drucker zu machen. So kann man sein Werk viel besser beurteilen als nur am Bildschirm. Besonders trickreich ist es, das ausgedruckte Blatt in ein geöffnetes Buch hineinzulegen – das hilft der Vorstellungskraft.
4) Microtypografie – das i-Tüpfelchen
Zu guter Letzt einige Worte zur „Königsdisziplin“, der Microtypografie. Denn – wie könnte es anders sein – auch in der Typografie steckt der Teufel natürlich im Detail. Wer ein paar Kleinigkeiten beachtet, kann immer wieder auftretende Stolpersteine für die Augen der Leser vermeiden. Hier die häufigsten Fehler:
- Trennstrich (kurz) anstatt Gedankenstrich (lang)
- Gedankenstriche ohne Leerzeichen rechts und links davon
- Auslassungspunkte „…“ als drei einzelne Punkte, richtig: Das Auslassungszeichen, das jede gute Schrift enthält: „alt“ und „.“ drücken!
- Falsche Anführungszeichen: In Deutschen sind folgende Anführungszeichen korrekt: zuerst unten, dann oben. Die Form der Zeichen kann man vereinfacht als „99“ (unten) und „66“ (oben) beschreiben. Das ist eine gute Merkhilfe, falls man einmal die Orientierung verloren hat. Gleiches gilt für einfache Anführungen: entsprechend „9“ und „6“. Falsch sind die geraden, nur oben stehenden Zollzeichen.
- Falsches Apostroph: Es sollte weder mit dem Fußzeichen (ein gerader kurzer Strich, oben) noch der einfachen Abführung („6“, oben) verwechselt werden. Der richtige Apostroph sieht aus wie eine oben stehende „9“.
- Falsche Kursivierungen und Fettungen: In einigen Programmen gibt es die Möglichkeit, die Schriftschnitte mittels Buttons zu verändern, z.B. in Word durch Klicken auf „F“ für „fett“ oder „K“ für „kursiv“. Diese Funktion sollte man lieber ignorieren. Denn sie führt in den meisten Fällen zu künstlichen Verformungen, die nichts mit den sorgfältig durch den Schriftgestalter entwickelten Buchstaben gemein haben. Anstatt auf den Kursiv-Schnitt zuzugreifen, stellt das Programm dann z.B. einfach nur den Regular-Schnitt schräg. Das Ergebnis ist nicht das gleiche. Besser ist es, im Schriftmenü die einzelnen Schnitte auszuwählen.
Auch wenn diese wichtigsten Grundregeln nur ein kleiner Ausschnitt aus dem weiten Feld der Typografie sind, können sie Self-Publishern dabei helfen, aus ihren Büchern – ganz dezent – schöne Literatur zu machen.
Also, viel Spaß und gutes Gelingen!
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