Das eBook als Handout – Creative Writing bei Windstärke 12

15. Mai 2012
By admin

Thorsten Nesch veröffentlicht seine Bücher und eBooks im Rowohlt Verlag und bei epubli. Im April machte er eine Lesereise auf einem Kreuzfahrtschiff und gab Workshops in kreativem Schreiben. Im epublizisten-Gastbeitrag erzählt er von seinem Experiment, den Workshop-Teilnehmern statt einem Stapel ausgedruckter Seiten ein eBook zu geben.

Dies war bereits das zweite Mal, dass ich als Edutainer bei einer TUI-Kreuzfahrt auf der „Mein Schiff 1“ dabei sein durfte. Meine Aufgabe bestand darin, Workshops zu geben und Lesungen von „Verkehrt!“ zu halten.

Jene Veranstaltungen finden in der Regel an Seetagen statt. Dies sind ausschließlich Reisetage auf dem Schiff, ohne dass man im Hafen liegt, wo die meisten Mitreisenden sich die Städte anschauen.

Ich hielt unter anderem einen Creative Writing Kurs zum Thema „Wie man einen Jugendroman schreiben kann“. Dabei handelt es sich um einen Basiskurs über das Schreiben, bei dem ich keinerlei Vorwissen im Sinne der klassischen Literatur oder auch der Filmlandschaft voraussetze. Im Zentrum stehen dabei die Struktur der Heldenreise, Figuren, Erzählperspektive und die Vermittlung meiner Erfahrung als Autor. Diesen Kurs gebe ich schon etliche Jahre, vor einigen Monaten ist dazu auch bei epubli das Sachbuch „Helden – oder: Warum Kometen nicht auf Idaho stürzen“ erschienen. Einen Verlag konnte ich leider nicht von meinem Konzept eines flapsigen Einsteigersachbuches überzeugen, es gäbe nicht genug Interessenten für das Thema. Ihre letzten derartigen Sachbücher floppten. Bei Amazon war „Helden“ mehrfach Nummer 1 in seiner Kategorie.

Mein Kurs, den ich stets an die Wünsche der Organisatoren und Teilnehmer anpasse, ging auf der „Mein Schiff 1“ über zwei mal zwei Stunden mit einem freien Tag dazwischen. Während dieses Workshops entwickeln die Teilnehmer entlang der Struktur der Heldenreise gemeinsam eine eigene Geschichte. Praxis steht bei mir stets im Vordergrund. Die zwei Abschnitte hatten in diesem Fall den zusätzlich positiven Effekt, dass sich die Teilnehmer auf das zweite Treffen mit Fragen und inhaltlich auf ihre Geschichte vorbereiten konnten.

Statt ausgedruckter Seiten: das eBook als Handout

Hatte ich bei meiner ersten Reise noch Handouts (ausgedruckte, kopierte und zusammengeheftete Seiten) ausgehändigt, kam mir in der Vorbereitungszeit vor der Reise eine andere Idee. Schließlich gab es in der Ausschreibung den Hinweis auf eine maximale Teilnehmerzahl von 20. Die 20 mal 10 Seiten (eine Zusammenfassung von „Helden“ quasi) macht zusammen 200 Seiten – die ich auch im Koffer mitschleppen muss.

Die Idee: Ich gebe mein ganzes eBook-Sachbuch als Handout! Die Teilnehmer haben 100 Seiten mehr Infos, können es sich auch nach Bedarf ausdrucken lassen, wenn sie wollen, und ich habe weniger Arbeit und Kosten, und ich schone meinen Rücken und die Umwelt.

Ja, dachte ich, ich werde mir den Papierstau im Drucker, die verbogenen Heftklammern, Eselsohren und verknickten Seiten durch die Reise sparen und das eBook „Helden“ als Handout ausgeben.

Mein erster Gedanke: Gutscheine mit Codes zum Downloaden. Die hätte ich erst organisieren müssen. Und das würde dann wieder nicht mit jedem Downloadportal für jeden eReader klappen. Selber per USB-Stick … nein. Technik hat mir schon zu oft einen Streich gespielt, und es hat auch nicht jeder auf einem Schiff so etwas wie eine externe Festplatte dabei, oder einen direkten Internetzugang.

Kurzerhand entschied ich mich dazu, 1 Euro und 50 Cent auf die Rückseiten meine Autogrammkarten zu kleben und jedem Teilnehmer am Kursende auszuhändigen. Gesagt getan. Die Teilnehmer machten große Augen wegen der ungewöhnlichen Geste. Autoren, die Geld verschenken, gibt es in der freien Wildbahn eher selten. Aber ich erklärte ihnen meinen Arbeit- und Kostenaufwand für mögliche Kopien, und dass so beide Seiten mehr davon hatten.

Draufzahlen würde ich auch nicht, denn bei einem Download würde ich als Autor 75 Cents wieder zurückbekommen (bei epubli sogar 1 Euro). Und sie hatten 100 Seiten anstatt zehn.

Die Reaktionen waren durchweg positiv und bestätigten mein Gefühl.

Natürlich, klar, logisch, das Risiko besteht, dass jemand die 1,50 € auch einfach schamlos einsackt und weder „Helden“ noch einen meiner anderen Romane kauft – auch letztere Möglichkeit besteht ja. Es könnte durchaus sein, dass jemand denkt, hah, davon gönne ich mir einfach einen Kaffee in Barcelona.

Na und? Dann verbindet derjenige immerhin mit meiner Person einen Café Cortado in einer der schönsten Städte Europas! Sollte dem so sein, kann ich auch damit leben. Gut sogar.

Von nun an werde ich stets dieses eBook bei meinen Creative Writing Kursen als Handout ausgeben.

Thorsten Nesch

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