Erfahrungsbericht: das eBook als Eintrittskarte für Lesungen (von Thorsten Nesch)

4. Januar 2012
By admin

Thorsten Nesch

Thorsten Nesch geht als Autor gerne neue Wege und verschenkt ein eBook an die Besucher seiner Lesungen – ein ganz besonderes Bonbon für seine treuen Leserinnen und Leser und ein spannender Ansatz zur Bewerbung der eigenen Bücher und eBooks. Im epublizisten-Gastbeitrag berichtet er von seinen Erfahrungen.

Die Premierenlesung meines Romans FLIRREN fand in dem Leverkusener Café Zettel’s Traum statt. Bei einem Eintrittspreis habe ich danach für gewöhnlich meine Bücher günstiger verkauft, einen Teil des Eintrittspreises auf den Buchpreis angerechnet. Dies geht nur bei Büchern, die man selber vertreibt, da ansonsten die Buchpreisbindung greift – bei meinen Romanen im Rowohlt Verlag darf ich das nicht.

Aber was, wenn es um ein selbstverlegtes eBook geht, dass 1,50 € kostet? Meinen Roman FLIRREN biete ich über epubli für 1,50 € als Download an und als Buch für 15,80 €. Letzteres geht nicht günstiger wegen des Umfangs.

Bei einem Preis von 1,50 € kann ich das eBook im Eintrittspreis komplett inbegriffen anbieten, sprich: Wer den Eintrittspreis bezahlt, der bekommt den Roman als eBook umsonst. Das ist ein faires Angebot.

Nun ergab sich die technische Frage, da jeder Zuhörer ein anderes Lesegerät besitzen kann. Auch der Vorschlag, dass sich jeder direkt beim Bezahlen an dem Abend „mal eben“ das eBook downloaded, wurde schnell verworfen. So wird es in der nahen Zukunft funktionieren, aber nicht 2011 in Leverkusen.

Als beste Lösung für die Zuhörer wurde das Zumailen des entsprechenden Formats ersonnen, wobei ich Amazon-Kindle-Lesern wirklich die 1,50 € in die Hand gedrückt und ihnen vertraut hätte. Ich meine, wem könnte ich noch vertrauen, wenn nicht meinen LeserInnen?

Die Lesung über die Geschichte der beiden Studenten Tina und Carlo, die einen Baumarkt ausrauben und über Italien nach Albanien fliehen, wo sie untertauchen wollen, verlief prima, und im Anschluss wurde das neue Medium heiß diskutiert. Außerdem haben die Organisatoren schon eine weitere Lesung angefragt. Es lief also bestens.

Interessanterweise wird in der Öffentlichkeit viel diskutiert, ob das eBook das Buch verdrängt. Mir stellte sich an diesem Abend eine andere Frage: Gehen eBook-Leser zu Lesungen? Selbst, wenn sie wie bei FLIRREN ein eBook kostenlos bekommen, das für den Jubiläumspreis des Eichborn Verlages nominiert war?

Denn, obwohl es sich um eine Lesung handelte, die normal besucht war, fand sich im Anschluss nur ein Zuhörer, dem ich den Roman zugemailt habe.

Fazit: Es mag auch daran gelegen haben, dass Leverkusen nicht Berlin ist, und dass die elektronischen Lesegeräte hier einfach auch noch nicht so weit in der Szene verbreitet sind, trotzdem werde ich diese Art der Lesungen mit einem eBook als Eintrittskarte nun stets anbieten.

Das mache ich, bis es ein neuveröffentlichtes Buch von mir als Eintrittskarte zur Romanpremierenlesung im Olympiastadion gibt …

Was wären wir ohne realistische Ziele?

 

Über den Autor:
Thorsten Nesch ist seit 2008 als Autor tätig. 2010 erschien sein vielfach prämiertes Buch Joyride Ost im Rowohlt Verlag. 2011 veröffentlichte Nesch bei epubli die Romane Die Lokomotive (Hörspielstipendium der Film und Medien Stiftung NRW), Flirren (nominiert für den Jubiläumspreis des Eichborn Verlags), Helden und School-Shooter (gefördert mit einem Literatur- und Hörspielstipendium des Landes NRW). Alle Titel sind als gedrucktes Buch und als eBook erhältlich. 2012 erscheint sein neues Buch Verkehrt! im Rowohlt Verlag.

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