Buchveröffentlichung mal anders: 50.299 Bücher mit gemeinfreien Kinderliedern

26. April 2011
By admin

Mitte 2009 wurde Axel Sikorsi, einer der beiden Geschäftsführer der Sikorski Musikverlage, Präsident der VG Musikedition. Dieses eigentlich unspektakuläre Ereignis führe aber in Folge dazu, dass fast 55.000 Bücher mit gemeinfreien Kinderliedern gedruckt wurden – und kostenlos an alle 50.299 Kinderbetreuungseinrichtungen Deutschlands verteilt werden.

Ein Gastbeitrag von Christian Hufgard, 1. Vorsitzender des Musikpiraten e.V.

An und für sich ist es in der Geschäftswelt ja nichts unübliches, dass der Geschäftsführer einer Firma bei einem Verein mit verwandtem Aufgabenbereich oder einer Lobbyvereinigung im Vorstand sitzt oder ein sonstiges Amt inne hat. Im Allgemeinen wird das von der Außenwelt auch nicht weiter bemerkt. Sikorsi aber machte von Anfang an klar, dass ab nun verstärkt gegen das illegale Kopieren von Noten vorgegangen werden soll. In einer Pressemitteilung dazu heißt es:

“Der neue Präsident der VG Musikedition, Dr. Axel Sikorski, betonte, er sehe in der Bekämpfung des illegalen Fotokopierens, das für die Musikverlage jährlich Umsatzverluste in zweistelliger Millionenhöhe bedeute, die größte Herausforderung der nächsten Jahre. Von besonderer Bedeutung sei dabei, dass öffentliche wie private Musikschulen zukünftig endlich eine angemessene Vergütung für das massenhafte Kopieren von Noten zahlen.”

Neben den Musikschulen war aber schnell noch eine wahrscheinlich lohnenswertere Quelle aufgetan: Kindergärten. Über 30.00 Einrichtungen wurden im Auftrag der VG Musikedition von der GEMA angeschrieben und darauf hingewiesen, dass es nun endlich möglich sei, legal Noten zu kopieren. Die Verwunderung war vielerorts groß, denn wieso sollte das Kopieren verboten sein? Werden nicht bereits Abgaben für die Kopiergeräte gezahlt? Leider ist dies rechtlich vollkommen korrekt. Im Urheberrechtsgesetz heißt es in §53:

“Die Vervielfältigung [...] graphischer Aufzeichnungen von Werken der Musik [...] ist, soweit sie nicht durch Abschreiben vorgenommen wird, stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig[...].”

Und genau darauf machte die VG Musikedition nun aufmerksam. Natürlich war direkt eine Lösung für dieses Problem parat: Für nur 56€ (zuzüglich Umsatzsteuer) darf ein Kindergarten in einem Jahr bis zu 500 Kopien anfertigen. Nicht erwähnt wurde, dass dies natürlich nur für Werke gilt, deren Urheber von der VG Musikedition vertreten werden.

Dies war der Zeitpunkt, an dem der Musikpiraten e.V. beschloss, seinen Vereinszweck, die Förderung freier Kultur mit Schwerpunkt Musik als künstlerischem Ausdrucksmittel, auf neue Art und Weise umzusetzen. Rechtzeitig zum 1. Dezember wurde auf der Webseite des Vereins ein Liederbuch mit gemeinfreien Weihnachtsliedern veröffentlicht. Die Resonanz darauf war durchweg positiv. In dem Buch, das ausschließlich als PDF veröffentlicht worden war, waren aber auch einige Lieder, die nicht unbedingt zum Singen durch Kinder geeignet waren. An den Verein wurde in der Folge vermehrt die Frage herangetragen, ob man nicht auch ein Buch nur mit Kinderliedern anbieten wolle.

Ende Dezember fällte der Vorstand dann die Entscheidung, dieses Projekt anzugehen. Aber statt einfach nur ein PDF zu veröffentlichen, sollte dieses Mal ein “echtes” Buch gedruckt werden. Und zwar für alle 50.299 Kinderbetreuungseinrichtungen Deutschlands – diese Zahl stammt von einer Statistikwebseite von Bund und Ländern. Doch wie soll ein Verein mit nicht einmal 30 Mitgliedern so etwas stemmen? Ein erster Überschlag der Kosten brachte eine Summe von 35.000€ bis 50.000€ auf – nur für den Druck.

Also wurde am 1.2.2011 ein Spendenaufruf auf der Webseite des Vereins gestartet. Ebenfalls wurde nach Helfern für den Notensatz und die Verteilung der Bücher gesucht. Vor allem Großverteiler, die mindestens 1.000 Bücher weiterverteilen wurden dringend benötigt. Nach kurzer Zeit war klar: Das Projekt läuft. Ob wirklich alle Einrichtungen versorgt werden könnten war offen, aber die erste Schwelle von 600€ Spendengelder war bereits nach der ersten Nacht überschritten. Darunter wäre ein Druck bei einer herkömmlichen Druckerei nicht sinnvoll gewesen und die Sponsoren hätten ihr Geld zurückerhalten. Ende Februar waren über 40.000€ Spendengelder beim Verein eingegangen, mehr als die Hälfte davon zweckgebunden für das Projekt.

Zusätzlich zu den sonstigen Arbeiten, gab es aber noch einen weiteres Hindernis bei der Produktion des Buches: Die Prüfung der Lieder auf Gemeinfreiheit. In Deutschland gilt das Urheberrecht bis 70 Jahre nach dem Tod eines Urhebers oder 70 Jahre nach Veröffentlichung, falls der Urheber unbekannt ist. Dies wurde in der Vergangenheit höchstrichterlich damit erklärt, dass bis zu diesem Zeitpunkt die Urheberpersönlichkeit noch nachwirke. Ebenso gilt als politischer Konsens, ohne diese Schutzfristen bis weit nach dem Ableben hinaus würden keinerlei kreative Werke in diesem Land mehr erstellt werden. Viele der Lieder, die seit Jahrhunderten Bestandteil des Kulturguts sind, wurden aber im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Mal mehr, mal weniger gravierend. Um nun also auf Nummer sicher zu gehen, stellte der Musikpiraten e.V. eine Anfrage an die VG Musikedition. Da diese die Schutzrechte an Noten wahrnimmt, schien sie der geeignete Ansprechpartner zu sein. Als Antwort kam, man sei gesetzlich nicht verpflichtet zu antworten, würde dies aus Kulanzgründen aber dennoch tun. Nach vier Wochen hieß es dann, die Melodien seien offensichtlich gemeinfrei, aber zu den Texten könne man, mangels Quellenangaben, keinerlei Aussage treffen. Auch die Information bezüglich der Melodien sei ohne jegliche Gewähr. Vier Wochen umsonst gewartet, ein weiteres Wochenende wurde damit verbracht, für alle Liedtexte entsprechende Quellen zu recherchieren. Dem Druck stand nun endlich nichts mehr im Wege.

Bereits während noch Spenden gesammelt wurden, waren Stimmen laut geworden, die das gewählte Format des Buches kritisierten. DIN A5 sei viel zu klein, außerdem wäre mit einer Ringbindung das Kopieren viel einfacher. Der Verein wies darauf hin, dass zusätzlich zu dem Buch auch noch ein A4-Download angeboten wird. Ebenso würde nach einer Lösung gesucht, das Buch anderweitig anzubieten. Eine Produktion in A4 für alle Kinderbetreuungseinrichtungen würde aber das Budget vollkommen sprengen.

Hier kam dann epubli ins Spiel. Die Möglichkeit, das Buch jedermann als Print-On-Demand-Book anzubieten macht es dem Verein möglich, ohne Risiko auch das A4-Format anzubieten. Hierfür wurde die bereits vorher veröffentlichte DIN A4-Version nochmal entsprechend optimiert, so dass bei dem fertigen Buch z.B. nicht umgeblättert werden muss, um ein Lied vollständig singen zu können. Die Einrichtung des Buches selber ging auch rasch vonstatten, so dass nur wenige Tage nach Einrichtung des Projekts bereits zwei Exemplare des Buchs in Hinblick auf ihre Qualität begutachtet werden konnten – sie erfüllten alle Ansprüche.

Die Initiative des Vereins hat auch in der Presse hohe Wellen geschlagen. Hier gibt es weitere Links:

Die DIN A4 Version des Buches Kinder wollen singen kann zum Druckkostenpreis (7,23€) bei epubli bestellt werden.

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