Print-on-Demand rettet Klassiker der Weltliteratur
Zahlreiche wunderschöne Klassiker werden nicht mehr verlegt und fristen ihr Dasein in vergessenen Bücherregalen und in Ecken verstaubter Antiquariate. Zu Unrecht begraben und dem Vergessen ausgeliefert. Dem muss nicht so sein, dachte sich Lukas Jan Reinhard und rief die Initiative Vergessene Klassiker ins Leben. Es ist denkbar einfach: Die Bücher liegen in elektronischer Form bei epubli vor und können bequem per Print-on-Demand Verfahren gedruckt werden. Und das schon ab 1 Exemplar. So erweckt Reinhard diese Klassiker aus ihrem Dornröschenschlaf und ermöglicht wieder Lesern diese literarischen Meisterwerke kennen zu lernen.
Im Interview spricht der Herausgeber über sein Projekt und die Beweggründe es zu verwirklichen.
Woher kam die Idee zu diesem Projekt?
Eigentlich aus einer zufälligen Begebenheit. Ich arbeite an einem Stadttheater, und ich wollte mich auf eine Inszenierung von Oskar Panizzas “Das Liebeskonzil” vorbereiten. “Das Liebeskonzil” ist sicherlich kein großer Klassiker, aber zu gut und zu originell, um gänzlich vergessen zu werden. Ich ging wie selbstverständlich davon aus, dass dieses Werk irgendwo aufgelegt sein muss – war es aber nicht. Das hat mich unangenehm überrascht.
Zur selben Zeit veröffentlichte ich bei epubli “Borgia Borgia”, meine Bearbeitung des Liebeskonzils. So kam mir die Idee, das Original gleich mit aufzulegen. Da Panizza lange genug tot ist und seine Werke mittlerweile Allgemeingut sind, gab es keine urheberschutzrechlichen Bedenken.
Print-on-Demand hat ja den Ruf Freizeitspaß für Hobby-Schreiber zu sein. Das ist aber nur eine Seite. Ich dachte vorher schon darüber nach, wie man diese neuartige Technologie sinnvoll nutzen kann. Voilà, hier war eine Möglichkeit.
Man sieht an den Verkaufszahlen, dass sich eine größere Auflage von mehreren Tausend Exemplaren wirklich nicht gewinnbringend wäre. Bei solchen Kleinstauflagen lohnt sich das nur über Print-on-Demand. Man hat außer der ISBN so gut wie keine Vorkosten. Der vom Buchhandel vergessene Klassiker wird wieder gekauft und gehört mittlerweile zu den meist verkauften Titeln bei epubli. Also mache ich weiter.
Wie sind Sie vorgegangen?
Zunächst galt es seriöse Quellen zu finden. Bei vielen Stücken wird man im Internet schnell fündig. Für “Das Liebeskonzil” fand ich nicht nur den Origianltext, sondern auch viele Dokumente über den Gerichtsprozess, den man gegen Panizza wegen des Stückes führte. Einige davon habe ich in der Ausgabe gleich mit veröffentlicht. So findet sich im Anhang unter anderem das richterliche Gutachten, seine Verteidigungsschrift, die Begründung des Urteils und noch ein paar andere Dokumente der Gerichtsverhandlung. Es gibt allerdings auch Stücke, bei denen man erst eine Buchausgabe finden und einscannen muss. Das macht freilich mehr Arbeit. Die Programme lesen viele Stellen falsch ein, und so sind deutlich mehr Korrekturen notwendig.
Beziehe ich Texte aus dem Internet, verwende ich viel Zeit darauf, diese nochmal zu überprüfen. Ich suche ältere Buchausgaben zum Vergleichen. Onlinedienste wie Google Books sind hier Gold wert. Ich prüfe nochmal, ob sich nicht doch Fehler eingeschlichen haben. Das Formatieren geht mit einem guten Textverarbeitungsprogramm recht schnell. Und schließlich kommt, was fast am meisten Spaß macht, das Gestalten der Titelseite. Ist die Druckvorlage fertig, ist der Rest dank epubli ein Kinderspiel.
Was wollen Sie mit Ihrem Projekt erreichen?
Ich finde schon allein aus Gründen der Allgemeinbildung, sollte jeder Literatur Interessierte jeden Text, der eine gewisse Literatur historische Relevanz besitzt – und sei es auch nur als Fußnote – erwerben können. Wenn ich dabei auch noch etwas verdienen kann, habe ich natürlich nichts dagegen. Allerdings steht das Arbeitsverhältnis – Recherchieren, Korrekturlesen, Formatieren, Gestalten – momentan noch in keinem Verhältnis zu den Einnahmen. Man kann schon besser verstehen, warum große Verlage die Finger von solchen Texten lassen. Vielleicht lohnt es sich irgendwann, wenn man genügend Titel veröffentlicht hat. Zur Zeit mache ich das Ganze aber in erster Linie aus Spaß und aus dem Gefühl, etwas sinnvolles zu tun.
Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?
Ehrlich gesagt, gehe ich da nicht besonders planmäßig vor. Da ich am Theater arbeite, kenne ich bereits viele in Frage kommenden dramatischen Texte. Im Moment besteht das Programm fast nur aus Theaterstücken. Das möchte ich noch ändern. Natürlich strecke ich jedesmal, wenn ich mich in irgendeiner Form mit Literatur oder Büchern beschäftige, meine Fühler nach potentiellen Titeln aus. Ich habe auch schon über Möglichkeiten nachgedacht, wie man mit diesem Verfahren, andere wirtschaftlich nicht rentable Formen der Literatur, wie zum Beispiel die Lyrik, wieder stärker beleben könnte.
Manche Texte wählt man aus, weil man sich gute Verkaufszahlen erhofft. So kamen die beiden Komödienklassiker “Pension Schöller” und “Der Raub der Sabinerinnen” ins Programm. Autoren wie Lautensack oder Schnitzler hingegen sind eher private Herzensangelegenheiten. Schnitzler wird zwar noch aufgelegt, seine vielen Theaterstücke sind aber nicht mehr einzeln erhältlich. Da möchte ich eine Lücke schließen. Und Lautensack ist sicher nicht der größte aller Schriftsteller, aber seine Werke sind klug, originell und haben Kraft. Den möchte ich vor dem Vergessen bewahren. Leider verkauft er sich nicht sonderlich gut.
Wie machen Sie Ihr Projekt bekannt?
Ich habe im Moment leider weder die Zeit noch genügend Einnahmen, um eine große Kampagne zu starten. Das meiste verkauft sich über Amazon. Die Verkäufe hier verwaltet epubli für mich.
Ich habe eine eigene Internetseite zusammengebastelt. Das ist ja heutzutage nicht sonderlich schwer. Mir ist schon klar, dass sich vielleicht noch mehr verkaufen könnte, wenn man mehr Zeit und Geld investieren, oder weitere Verkaufskanäle erschließen würde. Vielleicht habe ich irgendwann soviel monatliche Einnahmen, dass sich Online-Werbung lohnt. Im Moment halte ich davon noch Abstand.
Für die Zukunft könnte ich mir vorstellen, mich mit anderen zusammen zu tun, um das Programm zu verbreitern und neue Möglichkeiten der Vermarktung zu erschließen. Ich stelle mir etwa eine Community aus Gleichgesinnten vor, die in einem gemeinsamen Onlineshop an ihren Veröffentlichungen verdienen.
Was erhalten Sie für ein Feedback?
Nur Positives. Die Idee wird sehr geschätzt. Die Bücher werden auch gekauft. Natürlich verkaufen sich nicht alle Titel gleich gut, aber jene, die regelmäßig Absatz finden, tragen auch jene mit, die schlechter gehen. Verzichtet man auf eine ISBN, sind die Vorkosten praktisch Null. Allerdings ist es dann sehr schwer, für diese Ausgaben Käufer zu finden.
Ich habe auf meiner Internetseite eine öffentliche Wunschliste erstellt. Wer ein Buch erwerben möchte, dass es nicht mehr gibt, kann es dort eintragen. Da stehen auch schon ein paar Wünsche drin. Allerdings kann ich momentan nicht alles erfüllen. Die Texte müssen gemeinfrei sein, in einer seriösen Quelle beziehbar und überprüfbar. Bei ausländischen Texten wird es doppelt schwer, denn der Übersetzer muss ja auch lange genug tot sein. Liegt eine Übersetzung vor, muss ich erst oft mühsam nach dem Übersetzer recherchieren. Aber das Internet ist bei solchen Suchen oft Gold wert. Ohne das Internet, gäbe es ja das gesamte Projekt nicht.
Weitere Informationen zur rechtlichen Lage gibt es hier:
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