Liebesbrief an das Buch

13. April 2010
By Alex

Können Sie sich noch an Ihr erstes Buch erinnern? Also das Buch, das einen in die Welt des Lesens einführt, uns verstehen lässt, warum es sich zu lesen lohnt. Ich erinnere mich noch ganz genau an mein erstes Leseerlebnis. Es war in der Grundschule. Mit meinen Freundinnen zog ich es vor, die großen Pausen im Schulgebäude zu verbringen, als die frische Luft auf dem Pausenhof zu genießen. So musste man uns regelmäßig eindringlich bitten, die Pause als Pause zu verstehen und sich vor der Tür aufzuhalten. Oder eben in die Bücherei zu gehen. Aha, Bücherei.

Wir waren uns schnell einig, dass die Wahl zwischen den nervigen Jungen auf dem Hof und dem Aufenthalt in der Bücherei keine wirkliche Wahl war. Ohne Diskussion hielten wir uns fortan in der Bücherei auf. Und da fand ich es, oder es fand mich. Mein erstes Buch. Nicht, dass ich vorher nie zu lesen entschied, aber dieses Buch geschah außerhalb der Schulzeit und Pflichten. Ich las es aus freien Stücken, war von der ersten Seite an gefesselt und tauchte ein in eine Geschichte, die mich berührte. Wenn man mich heute fragt, worum es in dem Buch ging, wer es schrieb, ich weiß es nicht mehr. Aber das spielt auch keine große Rolle, allein die Erfahrung und Erinnerung daran genügt. Ab da an las ich immer wieder neue Bücher, gute und schlechte. Obwohl ich mich bei weniger guten Büchern meist nicht bis zum Ende aufraffen konnte. Wenn nach hundert Seiten nichts geschah, konnte man davon ausgehen, dass das Buch und ich nicht zusammenpassten. Ich gab dem Buch eine Abfuhr. Bei manchen Geschichten mussten wir erst miteinander warm werden, andere überfielen mich regelrecht. Das ist dann so ähnlich wie beim Verliebtsein. Bei besonders intensiven Buchromanzen war ich so gierig, dass eh ich mich versah, schon am Ende der Geschichte angelangt war. Dann ist man glücklich über die Erfahrung, aber irgendwie auch ein wenig traurig. Wer weiß, ob der Autor jemals einen Folgeroman schreibt, und ob der es dann lohnt.

Mittlerweile beherberge ich eine ganze Reihe von Büchern. Romane, Liebesromane, Ratgeber und Gedichtbände, alles findet sich auf mehreren Etagen unsortiert in meinem Bücherregal wieder. Nicht nach Inhalt sortiert, sondern nach Farben. Im Moment überwiegt Orange, die Farbe der Lebensfreude. Schön.

Eine neue Leseerfahrung machte ich neulich bei dem Roman „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer. Es ging um einen Mann (Leo) und eine Frau (Emmi), die sich über eine falsch versendete Mail kennenlernen, irritieren und letztlich ineinander verlieben. Ein Happy End gab es vorerst trotzdem nicht. Dafür war der Folgeroman „Alle sieben Wellen“ zuständig. Die Geschichte und auch die Schreibform (reiner Email-Verkehr) faszinierte und berührte mich.

Nachdem beide Bücher zu Ende gelesen und bereit für die Einkehr in das Bücherregal waren, fiel uns die Trennung plötzlich schwer. Ich war noch nicht bereit für eine neue Buchbekanntschaft, gänzlich aufs Lesen verzichten wollte ich aber auch nicht. Und so zogen wir uns jeden Abend wieder an, begegneten uns spontan auf irgendwelchen Kapiteln, schlugen vor und zurück, brauchten keine Reihenfolge mehr. Wir intensivierten die schönsten und schmerzhaftesten Lesemomente und inszenierten sie immer wieder neu. Das ging noch etwa vier Wochen. Erst dann konnten wir loslassen. Witzigerweise kam genau in diesem Moment das Buch als Theaterstück auf die Bühne. Aber irgendwie hatte ich Angst, dass meine Personen verfremdet und meine Geschichte zerstört würden. Ich las die Kritiken in der Tagespresse, die jubelnd vom neuen Glanzstück am Theater berichteten, der hervorragenden Leistung der Schauspieler. Ich freute mich, und doch wollte ich es nicht selbst erleben. Emmi und Leo wohnten in meinem Bücherregal.

Und im Moment? Im Moment lese ich einen Ratgeber, da hilft man sich mehr gegenseitig. Ich versuche den Inhalt zu verstehen und das Buch hat Geduld mit mir. Aber es ist rein platonisch, mehr eine wachsende Freundschaft.

Mit dem Buch ist es wie mit der Liebe. Und mit dem E-Book ist es wie mit dem Cyber-Chat.

Das eine hat Charakter und bringt Gefühle einher, das andere ist nicht mehr als ein oberflächliches Arrangement.

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One Response auf “ Liebesbrief an das Buch ”

  1. Der Buchbesprecher on 16. April 2010 at 14:21

    ….erinnert mich an einen Artikel aus der FAZ. Wichtig und richtig, dass dieses Thema einmal sensibel betrachtet wird.

    http://bit.ly/93hnYm

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